Armbanduhren sind heute in einer riesigen Auswahl in den
verschiedensten Formen und technischen Ausstattungen käuflich zu
erwerben. Neben der reinen Zeitanzeige weisen einige der Uhren
weitere Funktionen auf. Dies bezieht sich vor allem auf Uhren der
Haute Horlogerie in der Tradition hochwertiger Mechanikuhren. In
diesen Bereich können auch Armband-Uhren fallen, die als
Chronografen ausgeführt sind und die Bezeichnung Fliegeruhr tragen.
Wozu ein Chronograf benötigt wird und welche Bedeutung dabei die
Bezeichnung Fliegeruhr für die gesamte Geschichte der Armband-Uhr
besaß, wird im nachfolgenden Artikel erläutert.
Was ist ein Chronograph?
Die Bezeichnung Chronograf setzt sich aus den beiden griechischen
Wörtern „chrónos“ für Zeit und „gráphein“ für
schreiben zusammen. Die Zeit beziehungsweise einen abgelaufenen
Zeitraum festzuhalten, dies ist die grobe Funktionsbeschreibung eines
Chronografen. Heute erfolgt dies in Armbanduhren durch zusätzliche
Stoppuhr-Funktionen.
Dabei
sollte der Begriff Chronograph nicht mit dem Chronometer verwechselt
werden. Der Chronometer war ursprünglich eine sehr genau gehende Uhr
für die Navigation in der Schifffahrt und ist nun eine
Prüfsiegel-Bezeichnung für präzise arbeitende Uhrwerke.
Der aktuell teuerste
Chronograph der Welt kommt aus dem Hause Audemars Piguet. Die
Schweizer Manufaktur wurde 1875 gegründet.
Wer
den Royal Oak Chronograph von Audemars Piguet am Handgelenk tragen
will, darf rund 1,4 Millionen Euro auf den Tisch legen. Dafür
erhält der Besitzer ein mechanisches Wunderwerk höchster Präzision.
Die Funktionen eines
Chronografen
Neben der herkömmlichen Zeitanzeige in Stunden, Minuten und Sekunden
verfügt der Chronograph über drei zusätzliche kleine Zifferblätter
im großen Zifferblatt. Diese kleinen Zifferblätter werden
Totalisatoren genannt und zeigen üblicherweise während einer
Zeitmessung auf einem Totalisator die laufende Sekunde, auf dem
nächsten die verstrichenen Minuten und auf dem letzten Totalisator
die abgelaufenen Stunden. Ausgelöst wird die Zeitmessung durch zwei
zusätzliche Drücker links und rechts neben der Krone. Mit dem
oberen Drücker, also aus der Sicht wenn die Uhr sich am Handgelenk
befindet, wird die Zeitnahme ausgelöst und angehalten, mit dem
unteren Drücker erfolgt die Rückstellung auf Null. Je nach
Ausstattung können diese Funktionen noch erweitert sein. So etwa
durch die
„Rattrapante“ oder die „Flyback-Funktion“.
Eine Rattrapante bezeichnet einen sogenannten Schleppzeiger, bei
den meisten Chronografen ist dies der kleine Sekundenzeiger auf dem
Totalisator, der per Knopfdruck angehalten werden kann, um eine
Zwischenzeit zu nehmen und nach einem weiteren Knopfdruck auf die
laufende Zeit schnellt.
Die Flyback-Funktion erlaubt die Rückstellung auf Null für eine
neue Zeitnahme, ohne die laufende Start-Stopp-Funktion zuerst
anhalten zu müssen. Mit einem Knopfdruck beginnt im Flyback die
Zeitnahme wieder bei Null.
Viele moderne Chronografen verfügen zwar immer noch über drei
Totalisatoren, wobei aber der Totalisator für die Anzeige der
abgelaufenen Stunden während einer Zeitnahme durch die Anzeige der
Gangreserve ersetzt wird. Die Gangreserve ist die Anzeige der
Stunden, in denen ein Automatik-Uhrwerk oder ein von Hand
aufgezogenes Uhrwerk noch läuft, bis ein erneutes Aufziehen
notwendig ist. Bei Chronografen mit Quarzwerk und Batteriebetrieb ist
dies natürlich nicht notwendig.
Chronographen bieten durch die anzuhaltende und rückstellbare
Zeitmessung noch weitere Möglichkeiten, Berechnungen anzustellen.
Mittels spezieller aufgedruckter Skalen lassen sich verschiedene
Werte ermitteln. So kann ein Chronograf mit einer Tachymeter-Skala,
einer Pulsometer-Skala oder einer Asthmometer-Skala ausgerüstet
sein. Mittels des Pulsometers kann der Puls innerhalb einer
bestimmten Zeitspanne angezeigt werden genauso wie die Atemfrequenz
mit dem Asthmometer. Während die beiden letztgenannten Skalen
speziell bei Chronografen im medizinischen Bereich Anwendung finden,
ist das Tachymeter eine häufige Ausstattung bei Flieger-Uhren. Mit
dieser Skala kann die Geschwindigkeit bestimmt werden, mit der eine
bestimmte Strecke zurückgelegt wurde. Diese Skalen sind
üblicherweise im äußeren Rand des Zifferblattes aufgedruckt.
Die Lünette, der das Zifferblatt umfassende äußere Ring eines
Chronografen, ist häufig drehbar und besitzt eine 60-Minuten-Skala.
Mit diesem Drehring kann eine Zeitspanne abgelesen werden, wenn der
Drehring bei Beginn mit dem Skalenanfang, in der Regel ein Dreieck,
das sowohl für die Null wie auch die sechzigste Minute steht, auf
den großen Minutenzeiger eingestellt wird, wenn die zu messende
Zeitspanne unter einer Stunde bleibt.
Ein Chronograf kann also weit mehr als die klassische analoge
Armband-Uhr, die üblicherweise nur die Stunden, Minuten und Sekunden
anzeigt. Nicht selten werden diese Funktionen noch durch ein kleines
Fenster erweitert, in dem der aktuelle Tag angezeigt wird. Dies ist
aber schon wieder eine zusätzliche Komplikation.
Trotzdem sollten auch normale analoge Uhren nicht unterschätzt
werden.
Mit dem richtigen Wissen kann mit einer normalen Analoguhr die
Himmelsrichtung Süden ermittelt werden. Mit Digitaluhren geht dies
übrigens nicht. Wer sich also für längere Zeit fernab jeder
Zivilisation bewegt, ist im äußersten Notfall mit einer analogen
und zudem mechanisch arbeitenden Analoguhr besser bedient.
Dies war zwar nicht der Hauptgrund für die Entwicklung der
Fliegeruhren, aber in den Anfängen der Fliegerei konnte es schon mal
zu Abstürzen in menschenleeren Gebieten kommen, da war der
Chronograf in Form einer Flieger-Uhr durchaus hilfreich. Tatsächlich
war die Flieger-Uhr aber in der Luft wesentlich wichtiger als auf dem
Boden.
Die Geschichte der Flieger-Uhr
Angefangen
hat alles mit Albertos Santos Dumont, einem gebürtigen Brasilianer
mit einem französischen Vater. Dumont war ein Flugpionier der ersten
Stunde. Der Sohn eines Plantagenbesitzers machte seine ersten
Flugversuche mit einem Ballon im Paris des ausgehenden 19.
Jahrhundert. Er entwickelte Luftschiffe und das war auch der Anfang
der Flieger-Uhr. Santos Dumont war mit dem Pariser Juwelier
Louis-Francois
Cartier befreundet und bat diesen, ihm eine Uhr
zu bauen, die sich während des Fluges, bei dem die Konzentration
voll auf die Bedienung des Luftschiffes gerichtet war, leicht ablesen
ließ. Dies geschah im Jahr 1906, nur drei Jahre, nachdem die Brüder
Wright eine kleine Flugstrecke mit dem ersten gesteuerten Flugzeug
der Welt absolvierten. Gerade in der Luft war die Zeit ein
wesentlicher Faktor. Sicherlich nicht so sehr in Ballons oder
Luftschiffen, die durch Wasserstoff und später durch Helium getragen
wurden und damit im Prinzip leichter als die Luft waren, aber ganz
sicher bei Flugzeugen, die ihren Auftrieb durch Motoren erzeugten.
Denn hier diente die Flieger-Uhr dazu, die geflogene Zeit als Basis
für die zurückgelegten Kilometer zur Hand zu haben, woraus sich
wiederum der Treibstoffverbrauch errechnen ließ.
Die Jahrhundertwende vom 19. zum 20. Jahrhundert war geprägt durch
die neuartige Luftfahrttechnologie und in diesem Rahmen trug die
Flieger-Uhr als Teil dieser Technologie zur allgemeinen Verbreitung
von Armbanduhren gerade bei Männern bei. Es gab zwar damals schon
Armband-Uhren, jedoch waren dies meist Schmuckstücke für Frauen.
Männer bevorzugten zu dieser Zeit Taschenuhren. Mit der Flieger-Uhr,
ihrem Nimbus der Eroberung der Lüfte und dem technischen
Hintergrund, wurde sie aber auch für die damalige Männerwelt
interessant.
Die erste, offiziell als Flieger-Uhr bezeichnete Armbanduhr von
Cartier für seinen Freund Santos-Dumont hatte jedoch noch nichts von
der technischen Faszination moderner Flieger-Uhren. Erst im Laufe der
Zeit wurden die speziellen Ausprägungen hinzugefügt. So muss eine
Flieger-Uhr ein großes Zifferblatt besitzen mit Leuchtzeigern, damit
auch im Dunkeln die Zeit abgelesen werden kann. Im Weiteren gehören
natürlich die Start-Stopp-Funktion dazu und eine Tachymeter-Skala.
In diesem Rahmen entwickelten im Laufe der Jahrzehnte fast alle
großen Manufakturen der Haute Horlogerie eine spezielle Flieger-Uhr.
Die Hersteller von
Flieger-Uhren
Obwohl Cartier den Anstoß gab, war der Juwelier für die weitere
Geschichte der Flieger-Uhr nicht prägend.
Das
Schweizer Unternehmen
Breitling hingegen kann als Vorreiter
für die heute als typisch anzusehende Flieger-Uhr angesehen werden.
Die 1884 gegründete Manufaktur verlegte sich schon früh auf die
Weiterentwicklung von Chronografen und belieferte 1936 die englische
Royal Airforce mit Borduhren. Der Breitling Chronomat war die erste
Flieger-Uhr des Unternehmens. Breitling war die Uhrenmanufaktur, die
als erste den unabhängigen Chronographendrücker einführte. Diese
Konfiguration zweier separater Drücker, rechts und links neben der
Aufzugskrone angeordnet, ist noch heute der Standard bei praktisch
allen Chronographen weltweit. Erstmalig vorgestellt wurde diese
Anordnung von Breitling im Jahr 1934.
Fortis,
1912 im schweizerischen Grenchen gegründet, ist führend in der
Entwicklung von Flieger-Uhren wie dem Fortis Flieger Chronograf.
Tutima,
erstmals 1926 in Glashütte gegründet, setzt die Tradition der
Flieger-Uhren ihrer Vorgänger mit dem Tutima Military Flieger
Chronografen fort.
Auch
Omega gehört zum Kreis der schon früh mit Flieger-Uhren
arbeitenden Manufakturen. Dabei hat es Omega wohl am weitesten
gebracht, zumindest bezogen auf die Kilometer. Die NASA gab ihren
Astronauten die Omega Speedmaster Professional mit auf den Weg, bis
auf den Mond.
Nicht
zu vergessen in dieser Reihe ist natürlich die im Jahr 1860
gegründete
TAG-Heuer. Die Schweizer Manufaktur erhielt als
erster Uhrenhersteller im Jahr 1882 ein Patent auf einen
Stoppuhr-Mechanismus. Dem folgten eine ganze Reihe weiterer Patente,
die gerade für die Entwicklung von Chronographen und damit auch für
Fliegeruhren maßgeblich waren und sind.
Autor: Erwin Hollecker